Mindestlohn-Erhöhung: „Alles wird dadurch teurer“
Ab 1. Januar 2026 steigt der gesetzliche Mindestlohn von 12,82 Euro auf 13,90 Euro brutto pro Stunde – ein Anstieg von 1,08 Euro bzw. acht Prozent. Für 2027 ist eine weitere Erhöhung auf 14,60 Euro geplant. Laut Statistischem Bundesamt und Bundesregierung sind bis zu 6,6 Millionen Beschäftigte betroffen, der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz geht von rund 4 Millionen aus – etwa zehn Prozent aller Beschäftigten. Auch für Minijobber gilt der neue Mindestlohn.
Betroffene Branchen und ihre Sorgen:
Gastronomie: Gastronom Jan Appeltrath aus Mainz rechnet mit deutlich steigenden Personalkosten, die weit über das hinausgehen, was eine zusätzliche Aushilfe kosten würde. Er geht davon aus, dass er die Preise zwangsläufig anheben muss: „Essen gehen werde dann eben teurer.“ Grundsätzlich befürworte er einen höheren Mindestlohn, beispielsweise in der Pflege, aber in der sehr personalintensiven Gastronomie sei die jetzige Erhöhung ein Problem. Trotzdem bleibt Appeltrath zuversichtlich und plant für dieses Jahr die Eröffnung eines weiteren Lokals in Mainz.
Landwirtschaft: Gemüsebauer Martin Steig aus der Vorderpfalz baut auf 50 Hektar Land unter anderem Blumenkohl, Salat und Fenchel an. Er beschäftigt zehn ausländische Saisonkräfte, die meist nur für ein paar Monate da sind – ihnen muss er trotzdem den Mindestlohn zahlen. Für seinen Familienbetrieb rechnet er mit Mehrkosten von rund 20.000 Euro pro Jahr.
Die höheren Kosten müssten letztlich an die Verbraucher weitergegeben werden, und das bei ohnehin steigenden Lebensmittelpreisen. Die Umsatzmargen seien schon jetzt gering und die wirtschaftliche Lage vieler Landwirte schwierig: „Ein Betrieb nach dem anderen hört auf.“
Ein Sprecher des Pfalzmarkts Mutterstadt (eine Erzeugergemeinschaft aus 90 Betrieben mit über 200.000 Tonnen Obst und Gemüse jährlich) warnt: Neben Bürokratie und hohen Produktionskosten belaste der höhere Mindestlohn heimische Erzeuger zusätzlich und verschärfe die Wettbewerbsnachteile gegenüber ausländischen Erzeugern. Es sei ein Widerspruch, dass die Politik einerseits kurze Lieferwege und frische Lebensmittel fordere, gleichzeitig aber den heimischen Anbau teurer mache. Eine Folge: Bundzwiebeln für den europäischen Markt würden inzwischen seltener in Deutschland angebaut, sondern verstärkt in Ländern wie dem Senegal.
Handwerk: Metzgermeister Walter Adam aus Herxheim bei Landau (Pfalz) betreibt mit seiner Familie eine Landmetzgerei mit eigener Schlachtung. Für ihn steht fest, dass er seinen Kunden keine höheren Preise zumuten kann. Er spüre schon jetzt, dass die Leute weniger im Geldbeutel haben – es werde weniger hochpreisiges Fleisch gekauft. Wenn der Mindestlohn steige, müsse er auch seinen Festangestellten mehr zahlen. Wie er die Lohnanpassung kompensieren soll, weiß er nicht und rechnet für 2026 mit weniger Gewinn. Dennoch bleibt er optimistisch: „Durch die Krisen der vergangenen Jahre – Corona und hohe Energiepreise – sind wir einigermaßen gut durchgekommen.“ Viele andere regionale Metzgereien hätten bereits vor Jahren aufgegeben.
Befürchtete Folgen und Lohndruck:
Besonders personalintensive Branchen im Niedriglohnsektor wie Gastronomie, Einzelhandel, Landwirtschaft sowie Logistik- und Lagerwesen stellt die Erhöhung vor Probleme. Die wirtschaftliche Lage habe sich allgemein verschlechtert und viele Unternehmen nach Jahren der Stagnation und Rezession geschwächt.
Zudem bestehe ein Lohndruck nach oben: Fachkräfte wie Köche, Bäcker oder Konditoren verlangten automatisch höhere Löhne, um den Abstand zum Mindestlohn zu wahren. Viele Unternehmen könnten diese Forderungen jedoch nur begrenzt erfüllen.
Das ifo-Institut prognostiziert einen massiven Stellenabbau: Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage plane mehr als jedes fünfte betroffene Unternehmen, Stellen zu streichen. Viele rechneten durch die Lohnanpassung mit sinkenden Gewinnen und gäben an, Investitionen zu streichen. Selbst wenn es nicht zu direkten Entlassungen komme, drohten vielen Beschäftigten Arbeitszeitreduzierungen – eine Alternative, mit der Betriebe versuchen, die gestiegenen Lohnkosten aufzufangen. Der Mindestlohn steige wesentlich stärker als die allgemeinen Tariflöhne und schade den Unternehmen „in einer Phase der wirtschaftlichen Schwäche“.
Gegenstimmen und Einordnung:
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert diese „allzu düsteren Prognosen“. Bereits als der Mindestlohn 2015 eingeführt wurde, sei der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen prophezeit worden. Dies sei nicht eingetreten, im Mindestlohnbereich seien sogar neue Stellen entstanden. Arbeitsplatzabbau als erste Reaktion sei keine Lösung, betroffene Unternehmen sollten vielmehr ihr Geschäftsmodell kritisch überprüfen.
Auch die Bundesregierung erwartet offenbar keine negativen Auswirkungen wie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Den Unternehmen sei es auch bisher größtenteils gelungen, sich an die steigenden Lohnkosten anzupassen.
Wirtschaftsforscher Stefan Sell sagt, ob betroffene Unternehmen tatsächlich in größerem Umfang Arbeitsplätze abbauen werden, lasse sich schwer vorhersagen. Er geht aber davon aus, dass die Preise in vielen Bereichen steigen werden – das sei eine ökonomische Notwendigkeit für viele Betriebe.
Ein viel größeres Problem sei die derzeitige Deindustrialisierung Deutschlands: In den vergangenen zwei Jahren seien allein in der Industrie 230.000 Jobs abgebaut worden. Das schwäche die allgemeine Kaufkraft und belaste auch andere Branchen, in denen niedrigere Löhne gezahlt werden, wie Gastronomie, Einzelhandel und Handwerk.
(Text: Tagesschau/hv/ks; Bild: AdobeStock_262759544)
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