Rewe testet kassenlose Märkte und Drive-in-Abholung. Was bedeutet das für den Einzelhandel?
Der Lebensmittelriese Rewe erprobt gerade zwei neue Einkaufskonzepte, die den Supermarktbesuch grundlegend verändern könnten. Für den mittelständischen Einzelhandel lohnt ein genauer Blick auf beide Modelle.
Pick & Go: Einkaufen ohne klassische Kasse
In Hannover hat Rewe bereits den siebten Testmarkt mit seiner Pick&Go-Technologie eröffnet. Auf rund 650 Quadratmetern können Kunden wie gewohnt einkaufen, ohne die Produkte an der Kasse einzeln zu scannen. Hinter dem System steckt der Technologiepartner Trigo Vision, der mithilfe von Computer-Vision eine digitale 3D-Karte des Marktes erstellt und damit Warenbewegungen präzise erkennt. Am Bezahlterminal erscheint der Einkauf automatisch auf dem Display. Der Kunde prüft die Liste, bezahlt per Karte oder bar, und ist fertig.
Durch den reduzierten Aufwand an den Kassen sollen Kapazitäten für Beratung und Service frei werden. Der Markt in Hannover ist montags bis samstags von 7 bis 22 Uhr geöffnet und wird von rund 25 Mitarbeitenden betrieben. Bisherige Standorte befinden sich in Köln, Berlin, München, Düsseldorf und Hamburg.
Drive & Go: Online bestellen, Einkauf ins Auto laden
Im Rewe-Center am Narzissenweg in Euskirchen können Kunden ihre Online-Bestellung direkt am Auto entgegennehmen, ohne auszusteigen und ohne den Markt zu betreten, in unter drei Minuten. Bestellt wird über den Rewe-Onlineshop oder die App. Zur Abholung fahren Kunden die überdachte Drive-In-Spur an, scannen einen QR-Code, melden sich an, und das Marktteam bringt die Bestellung zum Fahrzeug. Bezahlt wird bargeldlos vom Fahrersitz aus.
Ab einem Einkaufswert von 70 Euro ist der Service kostenlos. Darunter fällt eine Gebühr von 2 Euro an. Euskirchen ist einer von drei Pilotstandorten einer einjährigen Pilotphase. Weitere Testmärkte befinden sich in Hachenburg (Rheinland-Pfalz) sowie in Alfter, das im Laufe des Jahres folgen soll.
Rewe nennt als Zielgruppen für Drive & Go ausdrücklich Pendler, Familien und Gewerbetreibende. Das Unternehmen gibt an, dass Kunden, die neben dem stationären Einkauf auch Onlineangebote nutzen, langfristig rund 30 Prozent mehr Umsatz generieren.
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Rewe hat die Ressourcen für aufwendige Pilotprojekte. Der mittelständische Einzelhandel hat sie in der Regel nicht. Das ist die Realität. Trotzdem wäre es falsch, diese Entwicklungen als irrelevant abzuhaken.
Einige Punkte sind bedenkenswert:
- Kundenerwartungen verschieben sich. Click & Collect ist heute ein zentraler Hebel für Frequenz, Service und Marge. Das Modell verbindet digitale Suche mit realer Nähe. Wer Komfort ohne Wartezeit bietet, behält den Kunden vor Ort.
- Spontankäufe als Argument für Click & Collect. Wer einen Abholservice so gestaltet, dass Kunden kurz ins Geschäft kommen, profitiert häufig von zusätzlichen Spontankäufen vor Ort. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber reinen Lieferdiensten. Beim Drive & Go hingegen ist der bewusste Verzicht auf den Ladenbesuch das eigentliche Verkaufsargument. Beides kann funktionieren, es kommt auf das Konzept und die Zielgruppe an.
- Die Umsetzung muss stimmen. Ein Abholservice, der groß angekündigt, aber im Gebäude versteckt ist, wirkt wie ein gebrochenes Versprechen. Gutes Design beginnt am Eingang: klare Beschilderung, ein intuitiver Weg, verständliche Begriffe.
- Die eigene Stärke bleibt entscheidend. Was der Mittelstand bietet, können große Ketten nur schwer kopieren: persönliche Beratung, lokale Verbundenheit, Sortimentskompetenz. Diese Stärken sollten im Mittelpunkt stehen.
Fazit des Handelsverbands Südwest
Kassenloses Einkaufen mit Kameratechnik auf 650 Quadratmetern ist kein Modell für den Einzelhändler mit überschaubarer Fläche. Die Investitionskosten sind hoch, die technische Komplexität ebenfalls.
Drive-in-Abholung hingegen ist im Kern nichts anderes als ein gut organisiertes Click-&-Collect-Angebot mit einer überdachten Fahrspur. Im zunehmend intensiven Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel gewinnen Service und Convenience an Bedeutung. Digitale Lösungen können hier als Differenzierungsmerkmal dienen. Das gilt nicht nur für Rewe.
Für mittelständische Händler lautet die Frage nicht: „Kann ich das genauso machen wie Rewe?“ Die Frage lautet: „Welche Elemente passen zu meinem Betrieb, meinen Kunden und meinen Möglichkeiten?“ Manchmal reicht ein gut organisierter Abholservice, eine verlässliche Online-Bestellmöglichkeit oder einfach kürzere Wartezeiten an der Kasse.
(Text: Handelsverband Südwest/ks; Bild: AdobeStock_556457012)
Die letzten Artikel
Starter Stipendium Saar: Bis zu 36.000 Euro für Gründer – jetzt bewerben
Die sechste Runde des Starter Stipendiums Saar ist gestartet. Saarländische Startups können sich ab sofort um eine Förderung von bis zu 36.000 Euro bewerben. Bewerbungsschluss ist der 15. Mai 2026. Was wird gefördert? Das Programm unterstützt junge Unternehmen mit innovativen Ideen – egal ob technologisch, kreativ oder nachhaltig ausgerichtet. Voraussetzungen auf einen Blick: Gründung liegt nicht länger als 18 Monate zurück Sitz oder Gründungsvorhaben im Saarland Innovativer Ansatz – technologisch, kreativ oder nachhaltig Was gibt es? Bis zu 36.000 Euro finanzielle Förderung Zugang zu einem Netzwerk aus Mentoren und Experten aus der Region Begleitung durch die Saarland Offensive für Gründung
Mehrwertsteuererhöhung: Der Handel sagt Nein!
Der Handelsverband Südwest schließt sich dem bundesweiten Widerstand gegen eine mögliche Anhebung der Mehrwertsteuer an. Die Stimmung unter den Händlern ist angespannt, die Zahlen alarmierend. In Berlin kursiert seit Wochen eine Idee, die im Einzelhandel für erhebliche Unruhe sorgt. Aus Koalitionskreisen wird diskutiert, den regulären Mehrwertsteuersatz von 19 auf 21 Prozent anzuheben, um Löcher im Bundeshaushalt zu stopfen und Entlastungen bei der Einkommensteuer gegenzufinanzieren. Beschlossen ist nichts. Aber allein die Debatte richtet Schaden an. Für den Handelsverband Südwest ist die Sache klar: wir lehnen jede Erhöhung der Mehrwertsteuer entschieden ab. Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Scherer hatte bereits im Frühjahr betont, dass
HDE-Konsumbarometer April 2026: Verbraucherstimmung trübt sich weiter ein
HDE-Konsumbarometer. Die Verbraucherstimmung in Deutschland trübt sich im April weiter ein. Geopolitische Spannungen treiben die Energiepreise in die Höhe, die Konjunkturerwartungen brechen ein und die Inflationssorgen nehmen deutlich zu. Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich lediglich bei der Anschaffungsneigung, die leicht zulegt. Ob daraus eine echte Trendwende wird, hängt maßgeblich von der weiteren wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklung in den kommenden Wochen ab. Geopolitische Unsicherheiten belasten die Konsumlaune Die Verbraucherstimmung in Deutschland hat zu Beginn des Aprils einen neuen Tiefpunkt in diesem Jahr erreicht. Das zeigt das aktuelle HDE-Konsumbarometer, das monatlich vom Handelsblatt Research Institute im Auftrag des Handelsverbandes Deutschland erstellt wird.

